Pünktlich zum Start des Oktobers machte sich die deutsche Delegation auf den Weg zum MEP-BSR (Baltic Sea Region) nach Estland. Vom 1. bis zum 6. Oktober trafen in Kuressaare auf der estnischen Insel Saaremaa Delegierte aus 15 Ländern zusammen, um sich in verschiedenen Ausschüssen mit aktuellen politischen Fragestellungen auseinanderzusetzen und gemeinsam an Resolutionen zu arbeiten.
Die deutsche Delegation, darunter Juna (Koblenz), Casper (Hamburg), Simon (Kiel), Philipp (Potsdam) und Cornelius (Hannover), bereitete sich auf intensive Diskussionen, neue Begegnungen und spannende Tage vor.
Nach einem langen Anreisetag, an dem fast alle Verkehrsmittel genutzt wurden – vom Zug und Bus bis hin zum Flugzeug und der Fähre –, erreichten wir schließlich unser Ziel: die größte Insel Estlands, Saaremaa. Dabei wurden wir stets von freiwilligen Helferinnen und Helfern des Projekts begleitet, die uns von einer Station zur nächsten unterstützten. Trotz der anstrengenden Reise war die Vorfreude auf die bevorstehenden Tage groß.
Umgeben von der historischen Altstadt, einer Festung aus dem 14. Jahrhundert, weiten Wiesen und Waldflächen, wie sie typisch für ganz Estland sind, und der fußläufig erreichbaren Ostseebucht, die die Stadt zu Gründungszeiten als strategischen Schifffahrts- und Handelspunkt machte, lag inmitten all dem das Saaremaa Gümnaasium. Dieses stellte die Räumlichkeiten für die Ausschüsse und anderes bereit, während parallel noch eigener Unterricht stattfand. Das moderne Gymnasium zeigt auch, welchen Stellenwert Investitionen in Bildung in Estland haben. Die gesamte Kulisse lud zum Erkunden ein und in Kombination mit dem milden Wetter, welches wiederum recht untypisch für die Gegend war, fanden viele Gespräche und Begegnungen mit anderen Delegierten draußen an der frischen Luft statt.
Am nächsten Tag begann das MEP BSR 26 offiziell mit einer Eröffnungszeremonie. Dabei wurden das Präsidium und die wichtigsten Organisatorinnen und Organisatoren vorgestellt. Außerdem hielten zwei Politiker kurze Gastreden. Einer davon war Madis Kallas, Abgeordneter des estnischen Parlaments und ehemaliger Umweltminister. Auch Taniel Vares, der Bürgermeister von Saaremaa, sprach zu den Teilnehmenden. Anschließend richtete jeder Head of Delegation eine kurze Rede an die Teilnehmenden und stellte die eigene Delegation vor. Damit wurde der Startschuss für einige intensive und ereignisreiche Tage gegeben.

Nach dem Teambuilding, um das Eis zwischen den Delegierten zu brechen, sich auf die englische Sprache einzustellen und ein wenig die Ortschaft Kuressaare zu erkunden, ging es schließlich in die Ausschusssitzungen. Dort wurde gemeinsam an ersten Ideen und Formulierungen für die Resolutionen gearbeitet. Die Themen waren vielfältig: Während sich TRAN mit europäischen Bahnverbindungen und dem Seehandel beschäftigte, diskutierte AFET/DROI über die Stärkung des Völkerrechts. ECON befasste sich mit der nachhaltigen Nutzung der Wälder, SEDE mit Europas Verteidigungsfähigkeit und Drohnentechnologie und FEMM/LIBE mit Frauenrechten und Radikalisierung in sozialen Medien. Dabei mussten die Delegierten nicht nur ihre eigenen Positionen vertreten, sondern auch auf die Argumente der anderen eingehen und Kompromisse finden.
Schon am ersten Abend des ersten Ausschusstages wurde deutlich, dass die gemeinsame Arbeit verbindet. Die Stimmung war offen und freundlich, und auch in der Freizeit wurde nicht nur über Privates, sondern immer wieder über die Themen aus den Ausschüssen gesprochen. Die politischen Diskussionen endeten also nicht unbedingt mit dem Ende der offiziellen Sitzungen. Unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen sorgten für neue Denkanstöße und machten die Diskussionen abwechslungsreich. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, mit denen man sonst vermutlich nie in Kontakt gekommen wäre. So entstand schon nach kurzer Zeit eine internationale Gemeinschaft, in der trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede schnell Gemeinsamkeiten gefunden wurden.
Neben der inhaltlichen Arbeit kam auch die Spontaneität nicht zu kurz. Sei es eine unerwartete Ortsänderung oder die kurzfristige Anpassung des Tagesprogramms – die Delegierten stellten ihre Flexibilität immer wieder unter Beweis.
Die erste kleine Feuerprobe der Resolutionen fand vor der General Assembly statt: eine durch das Media Team durchgeführte Pressekonferenz, bei der sich je ein Sprecher pro Ausschuss den Fragen der Journalisten stellen musste. Hier zeigte sich bereits, inwieweit sich ein Ausschuss seiner Maßnahmen sicher war oder wo noch nachgesteuert werden konnte.
Mit der gemeinsamen Arbeit in den Ausschüssen wuchs auch der Ansporn, die eigene Resolution am letzten Abend in der General Assembly zu verteidigen. Beim Lobbying wurde klar, dass sich kein Ausschuss auf seiner Resolution ausruhen würde. Bis spät in die Nacht trafen sich einzelne Delegierte oder ganze Ausschüsse und das Hostel, in dem die meisten untergebracht waren, fand bis spät in die Nacht keine Ruhe.
Und dann war es endlich Zeit für den großen Tag: Nun würde sich entscheiden, welche Resolutionen überzeugen konnten und ob sich die Arbeit bis spät in die Nacht gelohnt hatte.

Die General Assembly fand ganz unerwartet zwischen estnischen Mythenfiguren statt. Natürlich war das kein Dämpfer für die Qualität der GA, lediglich das amüsierte Posieren so mancher Delegierter neben Seemonstern in den Pausen oder die Gewissheit, dass hinter den sprechenden Delegierten nicht nur das Präsidium wachte, sondern auch so manches Mythenwesen, sorgten für den ein oder anderen amüsanten Moment. Gerade diese ungeplanten Momente sorgten für Abwechslung und machten die gemeinsame Zeit besonders.
Die Tage auf Saaremaa zeigten, wie eng politische Arbeit und persönlicher Austausch miteinander verbunden sein können. Zwischen intensiven Ausschusssitzungen, gemeinsamen Aktivitäten und Gesprächen in der Freizeit entstanden nicht nur neue Ideen, sondern auch Freundschaften. Damit wurde deutlich, dass die Veranstaltung weit mehr als eine Reihe politischer Diskussionen ist: Sie lebt vor allem von den Menschen, ihren Perspektiven und ihrer Bereitschaft, gemeinsam etwas zu erreichen.
Maya Zimmermann