Eine Woche lang in die Rolle von Politikerinnen und Politikern schlüpfen: Gesetze entwerfen, in Plenarsitzungen diskutieren und am Ende darüber abstimmen. Eine Woche lang sich intensiv mit den zentralen Fragen europäischer Politik auseinandersetzen und gemeinsam nach Lösungen suchen – wann haben Schülerinnen und Schüler schon einmal die Gelegenheit, all das zu erleben?
Das bundesweite Planspiel „Modell Europa Parlament“ (MEP) macht genau das möglich. Mittendrin: 160 Jugendliche, die aus allen 16 Bundesländern sowie aus Österreich, Tschechien, Luxemburg und den Niederlanden nach Berlin gereist sind, um gemeinsam über aktuelle Herausforderungen der Europäischen Union zu debattieren.
Das 27. MEP fand in herausfordernden Zeiten statt. Kriege, Konflikte und Krisen bestimmen das Bild. Und während die Delegierten im Bundesrat über Themen wie Künstliche Intelligenz in sozialen Medien, freien Handel mit den USA oder die Bekämpfung von Rassismus diskutierten, wurde parallel Roberta Metsola, die Präsidentin des Europäischen Parlaments, vom Bundeskanzler empfangen. Kein Wunder also, dass sich die Teilnehmenden im Planspiel bisweilen auf Augenhöhe mit der „echten“ Politik fühlen.
Die Simulation genießt in der Hauptstadt hohes Ansehen. Das zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Politikerinnen und Politiker sich Zeit nehmen, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. So stellten sich etwa Nancy Böhning, Beauftragte der Hansestadt Bremen, sowie Esther Uleer vom Bundespresseamt bei der Eröffnung den Fragen der Teilnehmenden. Besonders intensiv war die Fishbowl-Diskussion mit den europapolitischen Sprechern Chantal Kopf (Bündnis 90/Die Grünen) und Tilman Kuban (CDU/CSU).
Dabei wurde deutlich, wie relevant politische Diskussionen gerade jetzt sind. Die größte Sorge der Redner gilt der Zukunft der liberalen Demokratie. Auch unter dem Einfluss von Donald Trump müsse gelten, dass niemand über dem Gesetz steht und das Recht nicht durch die Stärke des Einzelnen ersetzt werden darf. Wenn diese Prinzipien verloren gehen, könne auch die Demokratie gefährdet sein. Um gegenüber globalen Akteuren wie Trump oder Putin bestehen zu können, müsse Europa geschlossen auftreten – selbstbewusst und geeint, denn es verfüge über erhebliche politische und wirtschaftliche Stärke. Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sei die parlamentarische Arbeit täglich von großen Herausforderungen geprägt.
Vor allem aber konnten die Jugendlichen ihre rhetorischen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis stellen. In ihren Reden zitierten sie Persönlichkeiten von Willy Brandt bis Frank-Walter Steinmeier, ebenso wie Denker und Wissenschaftler wie Albert Einstein, Hegel und Kant. Es wurden Vorschläge wie die Einführung einer EU-Citizenship-App eingebracht, institutioneller Rassismus kritisch thematisiert und eine stärkere Nutzung der „Offenen Methode der Koordinierung“ im Bildungsbereich angeregt.
Am Ende erhielten vier von acht Resolutionen eine Mehrheit. Doch unabhängig vom Abstimmungsergebnis waren sich alle einig: Politik kann begeistern – selbst nach 40 Stunden intensiver Debatte.
Das spiegelt sich auch in der Evaluation wider:
„Tolles Programm, vielseitige Möglichkeiten, jeder war willkommen, und jeder hatte die Chance, sein Potenzial auszuschöpfen.“
Auch 2026 wurde das MEP durch Erasmus+ gefördert und ist damit Teil eines europaweiten Netzwerks von Partizipationsprojekten. Die erarbeiteten Resolutionen werden direkt an die europäischen Jugendminister weitergeleitet. Zudem erhalten rund 40 Jugendliche in den kommenden Monaten Einladungen zu internationalen MEP-Sitzungen, die im Herbst in Porto, Prag und auf der estnischen Insel Saaremaa stattfinden werden.
Wir drücken die Daumen für die kommenden europäischen Abenteuer!